Mittwoch, 18. Februar 2026 von Dr. Michael Gebert Was die Agenten-Strategie von OpenAI für Entscheider bedeutet
Die Delegationsfalle
Als Sam Altman öffentlich ankündigte, dass Peter Steinberger zu OpenAI wechseln werde, um „die nächste Generation persönlicher Agenten“ voranzutreiben, war dies zunächst eine Personalnachricht. Reuters berichtete darüber, zitierte Altmans Aussagen und verwies zugleich auf Steinbergers eigene Erklärung, er wolle „agents to everyone“ bringen. Parallel wurde kommuniziert, dass OpenClaw, das von Steinberger initiierte Open-Source-Agentenprojekt, in eine Foundation überführt werden solle und weiterhin offen bleibe. Medien beschrieben OpenClaw als persönlichen Assistenten, der lokal läuft und über gängige Messaging-Dienste gesteuert werden kann. Reuters verwies zudem auf das rasante Wachstum des Projekts und auf Warnungen chinesischer Behörden zu potenziellen Sicherheitsrisiken bei Fehlkonfigurationen. The Verge dokumentierte Vorfälle mit bösartigen Erweiterungen in einem Skill-Marktplatz.
Diese Fakten sind öffentlich zugänglich und belegbar. Sie beschreiben eine dynamische Phase in der Entwicklung agentischer Systeme. Doch ihre strategische Bedeutung erschließt sich erst, wenn man die Perspektive wechselt. Die entscheidende Frage lautet nicht, wer wohin gewechselt ist oder wie viele GitHub-Stars ein Projekt erreicht hat. Die entscheidende Frage lautet, was geschieht, wenn Software nicht mehr nur antwortet, sondern handelt.
In der ersten Welle der KI-Integration standen Informationssysteme im Vordergrund. Sprachmodelle generierten Texte, fassten Dokumente zusammen, unterstützten bei Recherche oder kreativen Prozessen. Die Verantwortung für Entscheidungen blieb klar beim Menschen. Mit der zunehmenden Entwicklung sogenannter Agenten verschiebt sich diese Grenze. Agenten sollen Aufgaben ausführen, Systeme bedienen, Interaktionen anstoßen und – perspektivisch – mit anderen Agenten kooperieren. In öffentlichen Äußerungen wurde bereits von einer „Multi-Agent-Zukunft“ gesprochen. Diese Formulierung ist zunächst eine Vision. Doch sie deutet auf eine strukturelle Bewegung hin: weg vom assistierenden Werkzeug, hin zur ausführenden Einheit.
Es ist wichtig, an dieser Stelle sauber zwischen Beobachtung und Interpretation zu unterscheiden. Beobachtbar ist, dass große Technologieunternehmen in agentische Architekturen investieren. Beobachtbar ist, dass Projekte wie OpenClaw in kurzer Zeit hohe Aufmerksamkeit erlangen. Beobachtbar sind auch dokumentierte Sicherheitsprobleme im Umfeld offener Erweiterungsökosysteme. Die Interpretation daraus lautet: Wir stehen vor einer Phase, in der Governance-Fragen untrennbar mit Produktfragen verbunden werden.
"Multi-Agenten"-Zukunft?
Ein Agent unterscheidet sich von einem klassischen Sprachmodell dadurch, dass er Handlungen ausführt. Wer eine E-Mail verschickt, greift in Kommunikationsprozesse ein. Wer Termine bucht oder externe APIs nutzt, operiert mit Identitäten, Berechtigungen und Zugriffsrechten.
Die operative Natur solcher Systeme erfordert strukturell eine andere Art der Kontrolle. Sicherheitsvorfälle im Kontext von Erweiterungsmarktplätzen sind daher kein Beleg für das Scheitern des Konzepts, sondern ein Hinweis darauf, dass neue Ausführungsschichten neue Angriffsflächen eröffnen können. Diese Feststellung ist kein Alarmismus, sondern eine logische Konsequenz aus der Funktionsweise solcher Systeme.
Gleichzeitig wäre es unredlich, aus einzelnen Vorfällen eine generelle Unsicherheit abzuleiten. Auch geschlossene Systeme sind nicht frei von Sicherheitsrisiken. Die Frage ist nicht, ob Risiken existieren – sie existieren in jeder komplexen IT-Infrastruktur –, sondern wie sie adressiert werden. Die Überführung eines Projekts in eine Foundation kann ein Versuch sein, Governance zu stabilisieren und Transparenz zu schaffen. Ob dies gelingt, hängt von konkreten Strukturen ab, etwa von Entscheidungsprozessen, Release-Kontrollen und Finanzierungstransparenz. Ohne detaillierte Einblicke in diese Mechanismen wäre jede abschließende Bewertung spekulativ.
Aus unternehmerischer Sicht ist jedoch eine Entwicklung klar erkennbar: Mit der operativen Autonomie von Systemen verschiebt sich die Verantwortungsebene. Wenn Software im Namen eines Unternehmens handelt, stellt sich die Frage nach Delegationsgrenzen. Diese Frage ist nicht neu; sie begleitet jede Organisationsstruktur. Neu ist jedoch, dass Delegation zunehmend technisch konfiguriert wird. Während in klassischen Organisationen Verantwortlichkeiten explizit definiert sind, können digitale Delegationen implizit erfolgen, etwa durch API-Berechtigungen oder automatisierte Workflows.
Hier liegt der Kern der strategischen Debatte. Delegation ist ein Machtinstrument. Sie bestimmt, wer entscheidet und wer handelt. In agentischen Architekturen wird Delegation zu einer Frage des Designs. Wer darf was? Unter welcher Identität? Mit welcher Protokollierung? Mit welcher Revisionssicherheit? Diese Fragen sind organisatorisch, nicht ideologisch. Sie betreffen Unternehmen unabhängig davon, ob sie offene oder proprietäre Systeme einsetzen.
Wenn in öffentlichen Diskussionen von einer „Multi-Agent-Zukunft“ gesprochen wird, impliziert dies eine Koordinationslandschaft, in der Systeme miteinander interagieren. In einem solchen Szenario wird Identitätsmanagement zentral. Ein Agent, der mit einem anderen Agenten interagiert, muss eindeutig zugeordnet werden können. Verantwortlichkeiten müssen nachvollziehbar sein. Die Vorstellung, dass Systeme eigenständig Verträge vorbereiten oder Transaktionen anstoßen, mag futuristisch erscheinen, doch sie basiert auf der gleichen Logik wie heutige Automatisierungsprozesse – nur mit höherer Autonomie.
Es ist analytisch plausibel, dass sich daraus neue Abhängigkeiten ergeben können. Wenn Identitäts- und Ausführungsschichten eng mit bestimmten Plattformen verbunden sind, entsteht potenziell eine neue Form von Lock-in. Diese Einschätzung ist keine Feststellung, sondern eine strategische Hypothese. Ob sie zutrifft, hängt von der Portabilität, von offenen Standards und von vertraglichen Regelungen ab. Dennoch sollten Unternehmen diese Dimension frühzeitig reflektieren.
Der eigentliche Wettbewerbsvorteil in einer agentischen Ökonomie wird nicht allein in der Modellqualität liegen. Modelle werden vergleichbar, austauschbar, optimierbar. Der strukturelle Unterschied wird in der Governance-Architektur liegen. Unternehmen, die klare Delegationsregeln definieren, die Identitäten sauber verwalten und die Auditierbarkeit gewährleisten, werden Agenten produktiv nutzen können, ohne Transparenz zu verlieren. Unternehmen, die Delegation implizit konfigurieren, riskieren Unklarheit über Verantwortlichkeiten.
Dabei ist entscheidend, den Diskurs nicht in ein Schwarz-Weiß-Schema zu pressen. Agenten sind weder per se Kontrollverlust noch automatisch Effizienzgarant. Sie sind eine neue organisatorische Realität im Entstehen. Die Herausforderung besteht darin, sie nicht nur technologisch, sondern strukturell zu integrieren. Governance darf nicht als regulatorischer Ballast verstanden werden, sondern als Designprinzip.
Delegation bewust gestalten!
Es ist hilfreich, die aktuelle Phase mit früheren technologischen Umbrüchen zu vergleichen. Als das Internet begann, Geschäftsprozesse zu durchdringen, entstanden ebenfalls neue Risiken und Abhängigkeiten. Unternehmen mussten lernen, Identitäten digital zu verwalten, Sicherheitsprotokolle zu etablieren und Haftungsfragen neu zu definieren. Ähnlich verhält es sich mit agentischen Systemen. Die Technologie ist neu, die Prinzipien von Verantwortung und Transparenz sind es nicht.
Die Debatte um OpenAI und OpenClaw ist daher weniger eine Auseinandersetzung über einzelne Akteure als ein Indikator für eine strukturelle Verschiebung. Große Anbieter signalisieren, dass Agenten eine zentrale Rolle spielen sollen. Open-Source-Projekte experimentieren mit operativer Autonomie. Behörden weisen auf Sicherheitsaspekte hin. Medien dokumentieren sowohl Dynamik als auch Risiken. Aus dieser Gemengelage entsteht kein eindeutiges Urteil, sondern eine strategische Aufgabe.
Diese Aufgabe lautet: Delegation bewusst gestalten. Unternehmen müssen definieren, welche Entscheidungen automatisiert werden dürfen und welche menschlicher Kontrolle vorbehalten bleiben. Sie müssen klären, wie Identitäten zugewiesen und wie Aktionen protokolliert werden. Sie müssen evaluieren, wie Erweiterungsökosysteme kontrolliert und wie Abhängigkeiten minimiert werden können. Diese Fragen sind nicht futuristisch, sondern gegenwartsrelevant.
In einer hochautomatisierten Umgebung ist nicht Zentralisierung das primäre Risiko, sondern unreflektierte Delegation. Wenn Systeme handeln, ohne dass ihre Handlungsspielräume klar definiert sind, entsteht Unsicherheit. Wenn Delegation explizit gestaltet wird, kann sie Effizienz und Resilienz zugleich fördern.
Diese Aussage ist keine Kritik an einzelnen Unternehmen, sondern eine generelle Beobachtung über organisatorische Dynamiken. Die Zukunft agentischer Systeme ist offen. Es ist möglich, dass einzelne Projekte scheitern oder dass regulatorische Rahmenbedingungen neue Grenzen setzen. Ebenso ist es möglich, dass Agenten zu einem integralen Bestandteil unternehmerischer Infrastruktur werden.
Unabhängig vom Ausgang bleibt eine Erkenntnis: Die Einführung ausführungsfähiger KI ist nicht nur eine technologische Entscheidung, sondern eine governance-strategische. Unternehmen, die diese Dimension ernst nehmen, werden nicht nur effizienter, sondern souveräner agieren. Souveränität bedeutet in diesem Kontext nicht Autarkie, sondern Transparenz über Delegationsketten und Verantwortlichkeiten. Sie bedeutet, zu wissen, unter welchen Regeln Systeme handeln, und diese Regeln bewusst zu setzen.
Der Diskurs über Agenten sollte daher weder euphorisch noch alarmistisch geführt werden. Er sollte präzise sein. Präzise in der Trennung von Fakten und Hypothesen. Präzise in der Analyse struktureller Veränderungen. Und präzise in der Ableitung organisatorischer Konsequenzen. Die Ankündigung einer neuen Agentengeneration ist kein endgültiger Beweis für einen Paradigmenwechsel. Sie ist jedoch ein starkes Signal. Ein Signal dafür, dass ausführungsfähige KI vom Rand ins Zentrum rückt. Für Vorstände und Geschäftsleitungen bedeutet dies, sich nicht nur mit Modellen und Tools zu beschäftigen, sondern mit Architektur und Verantwortung.
Agenten sind keine bloße Erweiterung bestehender Systeme. Sie sind eine neue Form digitaler Delegation. Wie jede Delegation kann sie stärken oder schwächen. Der Unterschied liegt im Design. Wer Delegation implizit zulässt, riskiert Unklarheit. Wer sie explizit gestaltet, schafft Grundlage für Vertrauen. Vielleicht wird der entscheidende Wettbewerbsvorteil der kommenden Jahre nicht darin liegen, wer die leistungsfähigsten Modelle einsetzt, sondern wer die klarsten Regeln für deren Handeln definiert. In dieser Perspektive ist die aktuelle Debatte weniger ein technologischer Wettlauf als eine Führungsfrage. Wenn KI handelt, wird Führung neu vermessen. Nicht in der Frage, ob Maschinen entscheiden, sondern in der Frage, wer die Entscheidungsarchitektur gestaltet. Darin liegt die eigentliche strategische Herausforderung – und die eigentliche Chance. ■
Das KI-Aufmacher-Bild zeigt OpenClaw-Gründer Peter Steinberger in einer fiktiven Gesprächsszene mit OpenAI-Chef Sam Altman. Ergänzend zu diesem Debattenbeitrag empfehlen wir zur Vertiefung einen Blogbeitrag von Steinberger und einen News-Artikel von Reuters:
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