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KI-Strategie der Medien
Oliver Schwartz Montag, 29. Mai 2023 von Oliver Schwartz

Höchstmögliche Transparenz für mehr Vertrauen

Haben die Medien eine KI-Strategie?

Die Medienunternehmen, die ja damals das Thema „Online“ bis hin zur Existenzgefährdung nicht richtig verstanden und verschlafen haben, sind in Sachen KI diesmal ganz vorne mit dabei – denn sie hoffen, gleich mehrfach zu profitieren!

Wenn wir den Begriff KI jetzt mal sehr weit fassen, dann gibt es jenseits von Forschungseinrichtungen, von bestimmten Big Data Aktivitäten in Unternehmen und jenseits von Nachrichtendiensten, wohl kaum eine Branche, die bereits seit Jahren immer stärker „Künstliche Intelligenz“ nutzt. Da wird mit dem computer-generierten Verfassen von minderkomplexen, datenorientierten Berichten zu Sport oder Finanzen experimentiert. Da wird Text-to-Speeach genutzt, immer besser funktionierende Übersetzungssysteme. Da werden Artikel ki-unterstützt für Social-Media und klickstarke Teaser und Headlines aufbereitet. Gerade im investigativem Journalismus werden große Aktenumfänge mit Hilfe von KI durchsucht und aufbereitet. Und wer sich fragt, wie Medien so schnell hunderte Seiten lange Entwürfe und Dokumente analysieren und kommentieren können – der ist nicht weit von KI-artigen Analysetools entfernt. Auch natürlich das Korrekturlesen von Artikeln und die Optimierung von Sprache und Schreibstil erfolgt auf breiter Front mit Softwarelösungen, die es schon lange gibt und die sich nun auch KI nennen.

Erweckungsmoment

Der Erweckungsmoment für Medienunternehmen waren aber die Hilfestellungen bei der Monetarisierung von Onlineinhalten mittels KI. Die heutigen Paywalls, Ergebnis von vielen Jahren schmerzhaften Experimenten, sind intelligent und dynamisch. Sie lernen ständig hinzu und erlauben nicht nur eine ergebnisorientierte Optimierung der Verteilung von Content vor oder hinter die berühmt-berüchtigte Bezahlschranke. Sondern können dies auch noch immer stärker persönlich auf den Nutzer zuschneiden. Diese Systeme sitzen auf jede Menge Erfahrungsdaten, sind trainiert auf bestimmte Ziele, zum Beispiel Generierung von Online-Abos, und sie erlauben schon heute einen immer verlässlicheren Forecast von Nutzung und Monetarisierung von journalistischem Content. Medien werden damit zum Amazon des Journalismus.

Seitdem sich das immer erfolgreicher einschleift, sind die Leser zwar teilweise verwundert, welche Artikel vor oder hinter der Paywall sind und warum dies nicht auf jedem Gerät identisch ist. Sie scheinen dies aber zumindest derzeit zu tolerieren. Die Medien sagen, dass ein Pay per Read von Einzelartikeln nicht funktioniert hätte und setzen wieder auf das Abo, die Leserbindung. Und seit das zumindest im kleinen Rahmen immer besser funktioniert, gibt es kein Halten mehr. KI wird von den Verlagsmanagern als die große, rettende Zukunft angesehen.

Und wenn man das weiter spinnt könnte man zu der vielleicht gar nicht so kühnen These kommen, dass wir schon bald zwei Arten von Content sehen werden. Kostengünstiger und mit wenig Ressourcen blitzschnell erzeugter KI-Content vor der Paywall – und wertiger, von echten Qualitätsjournalisten recherchierter und geschriebener Content hinter der Bezahlschranke. Wobei deren journalistische Arbeit und Recherche ebenfalls mit Hilfe von KI unterstützt wird.

Vertrauensverlust kann sich verstärken

Vor allem von großen Medienhäusern, die gerade massiv investieren, versuchen zuallererst ihre Online-Monetarisierung zu optimieren. Dann werden sie versuchen die Kosten mit Hilfe von KI auf breiter Front zu senken und zu guter Letzt auch inhaltliche Angebote realisieren, die ihnen ohne KI-Unterstützung oft nicht möglich wären – oder nur im eingeschränktem Umfang. Das Horrorszenario wäre jetzt vermutlich, wenn immer mehr Redaktions-Arbeitsplätzen KI-generiertem Content weichen müsste, statt Fotografen künstlich erzeugte Bilder zum Einsatz kommen und zudem alles noch gnadenlos klick- und vermarktungsorientiert „optimiert“ wird. Böse Zungen könnten sagen, da sind wir gar nicht so weit weg und manche Ausuferungen selbst im sogenannten Qualitätsjournalismus von A-Medien, könnten durch Silicon-Redakteure vermutlich auch nicht schlimmer werden. Es gibt glücklicherweise auch immer noch das Gegenteil. Journalisten mit eigenem Kopf, mit faktenorientierter, objektiver Herangehensweise und mit Mut auch mal gegen den Stimmungsstrom zu schwimmen – wenn es die Recherchelage ergibt. Der vielzitierte Vertrauensverlust in die Medien ist bislang eindeutig nicht der stärkeren Nutzung von KI zuzuschreiben, sondern hat vielfältige Gründe. Aber, und dieses "Aber" ist wichtig: Die immer stärkere Nutzung von KI kann diesen Vertrauensverlust verstärken, wenn Medien und wenn die journalistische Branche sich nicht auf breiter Front einen Kodex geben und sich höchste Transparenz auf die Fahnen schreiben.

Ethische KI-Regeln

Umgekehrt kann KI -selbst unter wirtschaftlichem Druck – wieder hervorragenden Journalismus möglich machen. Und selbst ganz kleinen Redaktionen, Redaktionsbüros oder auch Freelancern ein Arbeiten auf sehr hohem Qualitätsstandard ermöglichen. Ich würde sogar sagen – die Chancen überwiegen. Aber nur dann, wenn verstanden wird, dass wir genau diese offen und transparent gehaltene Unterscheidung zwischen KI-Content und von Journalisten, mit oder ohne KI-Hilfe erzeugten, Inhalten geben muss. Es darf kein einziger Leser im Unklaren sein, ob der Text von einem Menschen oder einer Maschine geschrieben worden ist. Und gerade bei Audio, Video und Fotos ist es absolut zwingend, entweder konsequent auf KI-Material im Journalismus zu verzichten oder dieses unübersehbar als solches zu Kennzeichnen. Die derzeitige Flut an sich viral verbreitenden Deep-Fake-Fotos und Videos unterstreicht, dass der normale Konsument diese Unterscheidung nicht mehr selber eindeutig vornehmen kann.

Jetzt könnte man sagen, "klar so machen wir das natürlich", auf die sich selbst auferlegten ethischen KI-Regeln der FAZ oder der dpa als richtigen Weg zeigen, und hoffen, dass dem alle folgen werden. Aber genau an der Stelle ist Skepsis angebracht. Wir beobachten immer mehr pseudo-journalistische Angebote, immer mehr Fake-Medien, immer mehr Medien-Tarnkappen für interessensgesteuerte, aktivistische Kampagnenarbeit Immer mehr Vermischung von Meinung und Nachricht. Ich befürchte ohne eine klare rechtliche Verpflichtung zur Kennzeichnung von KI-Content wird dies nicht erfolgen. Und dann sind wir ganz schnell wieder beim Internet ohne Grenzen. Solche Regeln sollten natürlich idealerweise nicht nur in Deutschland gelten, sondern europaweit und global. Sonst sehen wir in Zukunft immer mehr Fake-Medienangebot mit Servern im Ausland und jede Menge von KI erzeugtem Kampagnen-Content.

Regulierung kann Sicherheit und Vertrauen schaffen und Vertrauen ist auch im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz die härteste Währung. Und ein solches Vertrauen erreicht man zum Beispiel durch aktive Kennzeichnung von KI-generierten Inhalten. Die These: Bei immer mehr KI-Content, werden die Menschen die Medien oder auch unternehmen als Informationsquelle bevorzugen, zu denen Sie das größte Vertrauen haben. Auch für die Medien und für die Kommunikatoren also eine Herausforderung auch in der jetzigen Phase bereits mit klaren Spielregeln und höchstmöglicher Transparenz zu nutzen.

Sehnsucht nach verlässlichen Informationen

Bleibt abschließend noch eine weitere These: Die basiert auf dem Urinstinkt der Menschen und auf die Sehnsucht nach verlässlichen Informationen – nach Vertrauenswürdigkeit. Wenn das belastbar ist, werden wir eine Renaissance von gutem Journalismus und von Qualitätsmedien sehen. Im Zweifel hinter der Paywall. Und eben eine Rückbesinnung auf den Wert hochwertiger Medienarbeit für uns, unsere Gesellschaft und den politischen Diskurs. So oder so. Nie war „Trust“ wichtiger als heute. Und für die in den letzten Jahrzehnten gebeutelten Medien ist das eine Chance. Aber auch eine Maßgabe.


Dieser Debattenbeitrag ist inspiriert von der Episode 127 des Turtlezone Tiny Talks Debatten-Podcast: Zum Podcast

https://www.turtlezone.de/tinytalks-mediathek/episode-128/

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