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WEF Update – Global Risks Report 2024
Dr. Michael Gebert Dienstag, 16. Januar 2024 von Dr. Michael Gebert

Globalen Dominoeffekt aufhalten und Chancen der KI nutzen

WEF Update – Global Risks Report 2024

Wie das World Economic Forum im Rahmen seiner Global Risks Initiative zum Auftakt des diesjährigen Treffens in Davos herausstellte, steuert unsere Welt auf eine höchst volatile Dekade zu. Der alle zwei Jahre erscheinende Bericht "Global Risks", der in Zusammenarbeit mit Marsh McLennan und Zurich Insurance Group entsteht, soll einen detaillierten Ausblick auf die großen Herausforderungen der kommenden Jahre geben.

Auf der Grundlage von Experteneinschätzungen und statistischen Analysen zeichnet der Report ein Bild sich potenzierender Systemrisiken, die in ihrer Komplexität neue Wege des Risikomanagements erfordern. Im Kern geht es um nicht weniger als das Handlungsfenster, das uns noch bleibt, um die Weichen in Richtung Nachhaltigkeit zu stellen.

Vor diesem Hintergrund beleuchtet dieser Artikel drei miteinander verwobene Leitmotive: die wachsende Komplexität des Risikoumfelds, die Ambivalenz künstlicher Intelligenz (KI) sowie die Notwendigkeit vernetzten Regierens jenseits nationaler Interessen. Die Analyse mündet in der zentralen Frage unserer Zeit: Wie können wir überlebenswichtige globale Kooperationen im Lichte tagespolitischer Spannungen gelingen lassen?

Aktuelle Zahlen zur Klimaerwärmung und dem Verlust biologischer Vielfalt zeigen eine dramatische Entwicklung: Die 1,5-Grad-Marke könnte bereits Mitte des Jahrzehnts überschritten werden, Millionen Arten sind vom Aussterben bedroht. Extreme Wetterereignisse, wachsende Ungleichheit und Vertrauensverlust in demokratische Systeme verschärfen diese Krisendynamik weiter. Wie also lässt sich ein Teufelskreis verhindern, der unsere hochgradig vernetzten Gesellschaften an den Rand des Kollapses führen könnte?

Simulationsbasierte Szenario-Analysen

Aktuelle Prognosen zeichnen eine zunehmend düstere Zukunft: Klimawandel, Umweltzerstörung, wachsende Ungleichheit, Lieferengpässe, Desinformationskampagnen mithilfe von KI-Systemen - die Liste sich gegenseitig verstärkender Risiken ließe sich noch weiter fortsetzen. Extreme Wetterereignisse, Vertrauensverlust in demokratische Systeme und gewaltsame Konflikte könnten in einem Teufelskreis enden, der unsere interdependenten Gesellschaften an den Rand des Kollapses führt.

Wie also können wir dem Entgegensetzen und doch noch die globalen Nachhaltigkeitsziele erreichen? Auf zwischenstaatlicher Ebene sind verbindliche Vereinbarungen zur Emissionsreduktion - wie zuletzt auf der COP28 in Dubai - elementar. Die Politik muss zugleich Anreize für klimafreundliche Produktionsweisen in der Privatwirtschaft setzen. Indem zum Beispiel erneuerbare Energien und Rohstoffkreisläufe gefördert werden. KI könnte dabei eine Schlüsselrolle zukommen: Energie- und Materialflüsse ließen sich optimieren, Liefer- und Wertschöpfungsketten resilienter gestalten. Zugleich gilt es, KI-Risiken etwa beim Einsatz in der Cybersicherheit oder für Manipulationen im politischen Diskurs frühzeitig zu erkennen und ihrer Destabilisierungswirkung entgegenzuwirken.

Um die vernetzte Natur der Herausforderungen zu erfassen, können simulationsbasierte Szenario-Analysen dabei helfen, systemische Kipppunkte aufzudecken und gezielte Interventionspunkte zu identifizieren. Auf staatlicher Ebene ist vorausschauendes Risikomanagement gefragt. Aber auch Unternehmen kommt bei der Risikominderung eine wichtige Rolle zu: durch Investitionen in IT-Sicherheit, diversifizierte Lieferbeziehungen oder langfristige, nachhaltigkeitsorientierte Strategien. Am Ende handelt es sich um eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die uns alle fordert. Erst wenn wir die Zusammenhänge verstehen und abgestimmt handeln, können wir die Weichen in eine bessere Zukunft stellen.

Eine Frage der Komplexität

Die aktuellen Krisen - von Corona über Ukraine bis Klima - führen uns drastisch vor Augen: Wir leben in einer hochgradig verflochtenen Welt. Lieferengpässe, Energiepreisschocks, regionale Konflikte - all das sind nur Symptome tieferliegender Systemzusammenhänge, die ein konventionelles Risikomanagement zunehmend überfordern. Egal ob Pandemien, Finanzkrisen oder eben die Klimakatastrophe - wir haben es mit dynamischen Prozessen zu tun, die sich gegenseitig verstärken können. Kipppunkte drohen überschritten, Dominoeffekte ausgelöst zu werden. Die "Kaskade vom Holozän in den Anthropozän" wird diese Gemengelage noch weiter verschärfen, warnen Evolutionsbiologen.

Was also tun angesichts wachsender Eigendynamik des Systems Erde? In der Wissenschaft mehren sich die Stimmen, die ein radikales Umdenken fordern - hin zu einem vorsorge-orientierten Ansatz, der Zusammenhänge in den Blick nimmt, statt Symptome zu bekämpfen. Stattdessen aber erleben wir eine Renaissance des Nationalstaats-Denkens sowie einen Rückfall in Protektionismus und Autarkiebestrebungen. Doch Abschottung und Alleingänge werden der Komplexität der Probleme nicht gerecht, sie drohen die Krisendynamik weiter anzuheizen. Vielmehr bedarf es koordinierter Strategien jenseits eines an nationalen Interesses ausgerichteten Realpolitik. Gerade die Coronakrise hat gezeigt, wie wirkungsvoll internationale Initiativen sein können - man denke an die weltweite Forschungszusammenarbeit zur Impfstoffentwicklung.

KI zwischen Fluch und Segen

Als eine der Basistechnologien des 21. Jahrhunderts wird Künstliche Intelligenz sowohl Teil der Probleme als auch Teil der Lösungen sein. Ihr Einfluss reicht von der Optimierung globaler Lieferströme über die Entwicklung "grüner" Technologien bis hin zur Identifikation neuer Wirkstoffe. Zugleich bergen bestimmte Anwendungen hohe Risiken: Etwa, wenn leistungsfähige KI-Systeme genutzt werden, um gezielt Falschinformationen zu produzieren - sogenannte "Deep Fakes" - und so demokratische Prozesse zu untergraben. Auch der Einsatz autonomer Waffensysteme wirft ethische Fragen auf. Um die Chancen der Technologie nutzen zu können, gilt es also, ihre Gefahrenpotenziale durch vorausschauendes Politikdesign möglichst gering zu halten.

Digitale Anwendungen werden globale Wertschöpfungsketten zudem noch enger miteinander verknüpfen und so neue Anfälligkeiten schaffen. Beispiel Cyberkriminalität: Laut Interpol ist sie mit weltweiten Schäden von über 6 Billionen US-Dollar bereits jetzt eines der größten wirtschaftlichen Risiken überhaupt. Tendenz steigend. Um beim Thema Cybersicherheit mithalten zu können, wird verstärkte Koordination zwischen Privatwirtschaft und staatlichen Behörden erforderlich sein. Es gilt, widerstandsfähige digitale Infrastrukturen durch Strategien der Risikostreuung aufzubauen - etwa durch Aufbau digitaler Zwillinge, die im Fall eines Angriffs einspringen könnten.

Konzertierte Aktionen erforderlich

Die drängenden Zukunftsfragen - sei es ein wachsendes Schadenspotenzial durch Cyberkriminalität oder die absehbaren Turbulenzen durch den sich beschleunigenden Klimawandel - lassen sich nicht im nationalen Alleingang beantworten. Um globale öffentliche Güter wie einen stabilen Klimazustand oder einen freien Datenverkehr zu schützen, bedarf es koordinierter Strategien, die einzelstaatliche Befindlichkeiten hinter ein gemeinsames Ziel zurückstellen. Die Zeit drängt: Je länger wir warten, desto kleiner wird der Korridor, um eine Balance zwischen ökonomischer Prosperität und ökologischer Tragfähigkeit unseres Planeten herzustellen. Die anstehende Transformation ist keine Option mehr - sie ist zwingende Voraussetzung für eine lebenswerte Zukunft.


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