Dienstag, 25. August 2026 von Mike Anderson KI-Verantwortung im Quantenzeitalter
Verschlüsselung mit Verfallsdatum
KI-Systeme verarbeiten die sensibelsten Daten, die Unternehmen haben: Trainingsdaten, Modellparameter, Kundeninformationen, strategische Entscheidungsgrundlagen. Der Einsatz von KI in Unternehmen schafft damit unweigerlich neue, sensible Angriffsziele und Quantencomputer werden die heutige Verschlüsselung brechen - die Frage ist nur, wann. Dieses Szenario ist nicht für übermorgen, es läuft bereits. Staatliche Akteure und gut finanzierte Angreifergruppen sammeln bereits systematisch verschlüsselte Daten wie KI-Outputs, API-Kommunikation und Modelltransfers, ohne sie aktuell lesen zu können. Sie setzen darauf, dass Quantencomputer in einigen Jahren leistungsfähig genug sein werden, diese Daten nachträglich zu entschlüsseln. Das Angriffsmuster heißt „Harvest Now, Decrypt Later". Und die Daten, die dabei im Fokus stehen, sind zu einem erheblichen Teil jene, die KI-Systeme heute produzieren, übertragen und speichern. Die KI-Infrastruktur eines Unternehmens ist ein klares Angriffsziel. Die entscheidende Frage lautet, ob die Daten, die heute abgeschöpft werden, in fünf oder zehn Jahren noch vertraulich sein müssen.
Die Künstliche Intelligenz hat die Angreiferseite „demokratisiert“. Phishing-Kampagnen, die früher Expertenwissen erforderten, lassen sich heute mit Sprachmodellen binnen Minuten personalisieren. Ob automatisierte Schwachstellenanalyse, KI-generierter Schadcode oder synthetische Stimmen für CEO-Fraud, das Niveau der Bedrohungen steigt, während die technische Einstiegshürde sinkt. Gleichzeitig beschleunigt KI auch die Entwicklung von Quantencomputern - durch optimierte Quantenschaltkreise, Fehlerkorrekturalgorithmen und automatisierte Kalibrierung. KI und Quantencomputing sind keine parallelen Entwicklungen. Sie verstärken sich gegenseitig. Setzt man diese beiden Dynamiken in Beziehung, wird klar warum Quantensicherheit keine Nischendiskussion mehr ist, sondern eine strategische Priorität für jede Organisation, die KI produktiv einsetzt.
EU investiert Milliarden in Quantenforschung
Klassische Kryptographie schützt Daten durch Mathematik: komplexe Algorithmen, die für heutige Rechner praktisch nicht lösbar sind. Das Problem ist, dass „praktisch nicht lösbar" eine Funktion der verfügbaren Rechenleistung ist und Quantencomputer diese Funktion fundamental verändern werden. Quantenkryptographie geht einen anderen Weg. Sie basiert nicht auf mathematischer Komplexität, sondern auf physikalischen Gesetzen. Die entscheidende Technologie heißt dabei Quantenschlüsselverteilung. Sie nutzt einzelne Lichtteilchen zur Schlüsselübertragung. Photonen können sich gleichzeitig in mehreren Zuständen befinden. Dieses quantenphysikalische Phänomen macht es strukturell unmöglich, einen Quantenschlüssel abzufangen, ohne ihn dabei nachweisbar zu verändern.
Das ist der entscheidende Unterschied zur klassischen Verschlüsselung: Ein abgefangener Quantenschlüssel verrät sich selbst. Beide Kommunikationsparteien erkennen sofort, dass der Schlüssel kompromittiert wurde. Die bekannteste Methode, das BB84-Protokoll, kodiert jeden Schlüsselbit auf ein einzelnes Photon. Jeder Abhörversuch verändert den Zustand des Photons und wird damit unmittelbar erkennbar. Was in klassischen Systemen als Angriffsfläche gilt, ist hier ein eingebauter Schutzmechanismus.
Quantenkryptographie ist noch keine Massentechnologie, aber sie ist näher, als viele Entscheider annehmen. Im Dezember 2024 stellte Google seinen Quantenchip „Willow" vor, der eine Berechnung in unter fünf Minuten durchführte, für die klassische Supercomputer länger bräuchten als das Universum existiert. Das war kein Marketingereignis, sondern ein Signal, dass die Entwicklungskurve steil und die Zeitlinie kürzer ist als bislang angenommen. Auf regulatorischer Ebene hat Europa die Weichen bereits gestellt. Im April 2024 empfahl die Europäische Kommission auf der Grundlage der Arbeiten der ENISA, der Europäischen Agentur für Cybersicherheit, den Mitgliedstaaten offiziell, einen koordinierten Übergang zu quantenresistenten Algorithmen für öffentliche Verwaltungen und kritische Infrastrukturen einzuleiten. Auch das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik hat Post-Quanten-Kryptographie in seine technischen Richtlinien aufgenommen und empfiehlt deutschen Organisationen, jetzt mit der Migration zu beginnen und nicht erst, wenn Quantencomputer einsatzbereit sind. Parallel dazu investiert die EU im Rahmen von Horizon Europe und dem Quantum Flagship Programm Milliarden in die europäische Quantenforschung.
In der Wirtschaft setzen erste Unternehmen Quantentechnologie bereits produktiv ein. Im Rahmen des Quantum Technology & Application Consortiums arbeiten 14 führende Unternehmen, von der Deutschen Telekom bis hin zu Siemens, BASF, Bosch und BMW, aktiv an der Vorbereitung auf eine Post-Quanten-Kryptografie. Erhebungen zeigen, dass rund sechzig Prozent der global aktiven Unternehmen planen, innerhalb der nächsten fünf Jahre auf Post-Quanten-Kryptographie umzustellen. In regulierten Branchen wie dem Banking, Insurance und Healthcare ist der Druck in der DACH-Region durch die Vorgaben von NIS2 und DORA zusätzlich gestiegen.
Quantensicherheit braucht Verantwortung
Die Quantenbedrohung trifft nicht alle Daten gleich. Ruhende Daten mit modernen symmetrischen Algorithmen, zum Beispiel AES-256 oder höher, gelten heute als relativ sicher. Deutlich anfälliger sind Datenübertragungen, die durch Public-Key-Verschlüsselung gesichert werden. Dies ist der Standard für einen Großteil der heutigen Unternehmenskommunikation, API-Verbindungen und KI-Systemintegrationen.
Gerade KI-Verantwortliche sind gefordert und für sie ergibt sich ein klarer Fahrplan: Es gilt zuerst die kritischen Daten nach Zeithorizont zu bewerten. Die entscheidende Frage dabei ist nicht „Wie sicher sind unsere Daten heute?", sondern: „Welchen Schaden würde es anrichten, wenn diese Daten in zehn Jahren entschlüsselt werden?". Daten, die über einen Dekadenhorizont vertraulich bleiben sollen, zum Beispiel geistiges Eigentum, Fusionsstrategien, klinische Forschungsdaten oder langfristige Kundendaten, sind heute bereits potenziell gefährdet. Daneben gilt es eine Verschlüsselungsbestandsaufnahme zu erstellen. Welche kryptographischen Verfahren sind im Einsatz? Welche APIs, KI-Systemschnittstellen und Datenübertragungswege nutzen Public-Key-Verschlüsselung? Diese Inventur ist die Voraussetzung für jeden weiteren Schritt.
Auch bei diesem Thema kommt es auf die Verantwortung an. Quantensicherheit braucht eine benannte Person mit Budget, Mandat und Berichtsweg in der Führungsebene. Es ist kein Nebenthema einer bestehenden Stelle. Außerdem gilt es eine Kryptographische Agilität aufzubauen. Das Ziel ist nicht, heute auf einen bestimmten Quantenalgorithmus umzustellen, denn die Standards entwickeln sich noch. Das Ziel ist, Systeme so zu gestalten, dass kryptographische Verfahren schnell und sicher ausgetauscht werden können, wenn neue Bedrohungen oder bessere Standards verfügbar sind.
Strategische Grundlage für kryptographische Agilität
Quantenkommunikationssysteme übertragen Photonen durch Glasfaserleitungen, über größere Distanzen schränkt die Photonenabsorption die Reichweite ein. Das macht Quantenkryptographie komplex. Forscher arbeiten bereits an Quantenrepeatern und Satellitenunterstützung, um diese Reichweitenprobleme zu lösen - doch eine flächendeckende kommerzielle Nutzung ist noch Jahre entfernt.
Post-Quanten-Kryptographie, also klassische Algorithmen, die gegen Quantenangriffe resistent sind, ist die pragmatische Übergangslösung für die meisten Unternehmen heute. Die NIST-Standards von 2024 bieten hier erste verlässliche Orientierung. PQC lässt sich in bestehende Infrastrukturen integrieren, ohne physikalische Infrastruktur zur Quantenschlüsselverteilung aufzubauen. Die richtige Strategie verbindet beides: Kritische Datenkategorien werden sofort geschützt und eine Grundlage gebildet für kryptographische Agilität. Die Quantenschlüsselverteilung bleibt dabei die langfristige Option für Anwendungsfälle, in denen physikalisch garantierte Sicherheit erforderlich ist.
Quantensicherheit ist eine Führungsaufgabe. Das Unbehagliche an der Quantenbedrohung ist ihr Zeitverzug. Die Daten, die heute gesammelt werden, werden in fünf oder zehn Jahren entschlüsselt. Die Entscheidung, jetzt zu handeln oder abzuwarten, hat dabei Konsequenzen, die erst dann sichtbar werden, wenn es für Korrekturen zu spät ist.
Quantensicherheit ist kein IT-Projekt für die ferne Zukunft. Sie verdient denselben Dringlichkeitsstatus wie KI-Governance, Datenschutz-Compliance und die Reaktion auf Cybersicherheitsvorfälle. Die Technologie reift zwar noch, aber die Bedrohung ist bereits Realität. Im Wettrüsten zwischen Angreifern und Datensicherheit war es schon immer ein Vorteil, zwei Schritte voraus zu denken. Im Zeitalter von KI und Quantencomputing gilt das sicher mehr denn je. ■
Unsere Gastautor
Mike Anderson
Mike Anderson ist Chief Digital & Information Officer und Leiter des Strategy Office bei Netskope und verfügt über mehr als 25 Jahre Erfahrung in der Leitung von Technologie-, Strategie- und Markteinführungsorganisationen. Er treibt IT, digitale Innovation und strategische Programme voran, die die Akzeptanz und das Umsatzwachstum beschleunigen.
